Eine Blockchain wird häufig als etwas Unveränderliches wahrgenommen: Daten werden in einer Kette gespeichert und sollen anschließend nicht mehr verändert werden. Hinter dieser scheinbaren Unveränderlichkeit verbirgt sich jedoch eine Technologie, die sich ständig weiterentwickelt. Netzwerke werden aktualisiert, Entwickler beheben Fehler, schließen Sicherheitslücken, versuchen die Geschwindigkeit der Transaktionsverarbeitung zu erhöhen und fügen neue Funktionen hinzu.
Daraus ergibt sich ein Paradoxon: Um eine Blockchain stabil zu halten, muss sie regelmäßig verändert werden.
Eine Möglichkeit, solche Änderungen umzusetzen, sind Forks. Das Wort Fork lässt sich als "Gabelung" oder "Abzweigung" übersetzen — und für eine Blockchain ist das eine durchaus passende Metapher. Manchmal verläuft ein Update problemlos: Die Teilnehmer installieren eine neue Softwareversion, das Netzwerk läuft weiter und die Nutzer bemerken kaum etwas. Manchmal können sich die Teilnehmer jedoch nicht auf die neuen Regeln einigen. Dann kann aus einem Weg plötzlich eine Abzweigung werden.
Genau hier kommen Hard Fork und Soft Fork ins Spiel — zwei unterschiedliche Ansätze, um die Regeln einer Blockchain zu verändern. Im einen Fall ist die neue Version des Protokolls mit der alten nicht kompatibel, im anderen bleibt das Netzwerk mit den bisherigen Regeln kompatibel.
Hinter diesen beiden technischen Begriffen steckt jedoch weit mehr als nur ein Software-Update. Forks können die Struktur eines Netzwerks verändern, Auswirkungen auf Besitzer von Kryptowährungen haben und sogar zur Entstehung völlig neuer Projekte führen.
Was ist ein Fork und warum wird er benötigt?
Jede Blockchain verfügt über eine Reihe von Regeln. Sie legen fest, welche Transaktionen das Netzwerk akzeptiert, wie ein Block aufgebaut sein muss, wer Transaktionen bestätigt und welche Handlungen als Verstoß gegen das Protokoll gelten.
Mit der Zeit können diese Regeln den Anforderungen des Netzwerks nicht mehr gerecht werden. Eine Blockchain kann beispielsweise mit einem technischen Problem konfrontiert sein, das behoben werden muss. Die Zahl der Nutzer kann wachsen und die bisherigen Möglichkeiten der Infrastruktur übersteigen. Entwickler können eine neue Technologie in das Protokoll integrieren wollen. Oder innerhalb der Community entstehen unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sich das Projekt weiterentwickeln soll.
In einem zentralisierten System reicht möglicherweise die Entscheidung des Plattformbetreibers oder des Entwicklerteams aus. Bei einer Blockchain ist die Situation komplexer: Das Netzwerk wird von zahlreichen unabhängigen Teilnehmern getragen. Entwickler können neuen Code schreiben, aber sie können nicht jeden Node dazu zwingen, ihn zu installieren. Miner, Validatoren, Node-Betreiber und andere Teilnehmer entscheiden selbst, ob sie die vorgeschlagenen Änderungen akzeptieren.
Ein Fork ist daher nicht nur eine Frage des Codes. Er ist auch eine Frage des Konsenses.
Wie kommt es zu einer "Abzweigung" der Blockchain?
In der Regel beginnt alles mit einem Vorschlag zur Änderung des Protokolls. Entwickler identifizieren ein Problem oder eine neue Anforderung, bereiten ein Update vor und erklären, wie sich die Regeln verändern sollen. Die Gründe können von der Behebung einer Sicherheitslücke bis hin zu grundlegenden Änderungen der Funktionsweise des Netzwerks reichen.
Danach kommt der entscheidende Teil: Die Teilnehmer müssen entscheiden, ob sie bereit sind, die neue Version zu akzeptieren. Wenn die Mehrheit auf die aktualisierte Software umsteigt, entwickelt sich die Blockchain auf einer einzigen Kette weiter. Für Nutzer kann das wie ein gewöhnliches Update wirken, auch wenn die technischen Änderungen erheblich sind.
Wenn sich jedoch ein Teil der Teilnehmer gegen das Update entscheidet und an den alten Regeln festhält, kann eine Abzweigung entstehen. Was danach passiert, hängt von der Art der Änderungen ab. Können alte und neue Regeln nebeneinander bestehen, handelt es sich um einen Soft Fork. Sind sie grundsätzlich nicht miteinander vereinbar, spricht man von einem Hard Fork.
Hard Fork: Wenn die alten Regeln nicht mehr funktionieren
Ein Hard Fork ist die radikalere Form eines Updates. Bei einem Hard Fork sind die neuen Regeln der Blockchain mit den alten nicht kompatibel. Ein Node, der weiterhin die vorherige Softwareversion verwendet, kann neue Blöcke und Transaktionen möglicherweise nicht mehr als gültig erkennen.
Nehmen wir an, eine Blockchain hat vor dem Update eine bestimmte Art von Transaktion verboten. Nach dem Hard Fork entscheiden die Entwickler, diese Transaktion zuzulassen. Für die neue Software ist alles korrekt: Die Transaktion entspricht den neuen Regeln. Ein alter Node hält sich jedoch weiterhin an die bisherigen Vorgaben und betrachtet die Transaktion als ungültig.
Damit können zwei Gruppen von Teilnehmern dasselbe Netzwerk beobachten, aber unterschiedlichen Regeln folgen. Wenn alte Nodes einfach abgeschaltet werden oder nach und nach auf die neue Version wechseln, endet der Prozess als gewöhnliches Update. Entscheidet sich jedoch ein bedeutender Teil der Teilnehmer dafür, das alte Protokoll beizubehalten, kann es zu einer echten Aufspaltung kommen — und zwei eigenständige Chains können sich entwickeln.
Ein Hard Fork bedeutet nicht automatisch eine neue Kryptowährung
Ein weit verbreitetes Missverständnis sollte an dieser Stelle ausgeräumt werden: Nicht jeder Hard Fork führt zur Entstehung einer neuen Kryptowährung.
Eine Änderung des Protokolls allein reicht nicht aus. Damit eine eigenständige Kryptowährung entsteht, müssen die alte und die neue Version der Blockchain weiterbestehen und von Teilnehmern unterstützt werden.
Wenn nahezu das gesamte Netzwerk auf die neue Version wechselt, kann die alte Chain ohne Nutzer, Infrastruktur und wirtschaftliche Aktivität zurückbleiben. In diesem Fall entsteht faktisch keine neue Kryptowährung.
Die Geschichte des Kryptomarktes kennt jedoch Situationen, in denen keine Einigung erzielt werden konnte. 2016 spaltete sich die Ethereum-Community nach dem Konflikt um die Folgen des The-DAO-Hacks. Die Mehrheit unterstützte eine Änderung der Blockchain-Historie, während ein Teil der Community die ursprüngliche Chain beibehalten wollte. So entstanden Ethereum und Ethereum Classic.
2017 kam es bei Bitcoin zu einem ähnlichen Szenario. Ein Streit über die Skalierbarkeit des Netzwerks und die Blockgröße führte zu einem Hard Fork und zur Entstehung von Bitcoin Cash. 2018 führten wiederum Meinungsverschiedenheiten innerhalb von Bitcoin Cash zu einer weiteren Aufspaltung, aus der Bitcoin SV hervorging.
Diese Beispiele zeigen, dass ein Hard Fork weit mehr als ein technisches Update sein kann. Hinter einem Streit über Code stehen häufig unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft eines Projekts. Die einen setzen auf Skalierbarkeit, andere auf Sicherheit, wieder andere wollen das ursprüngliche Konzept bewahren.
Aus einem technischen Konflikt kann dadurch ein wirtschaftlicher und politischer Konflikt innerhalb eines gesamten Ökosystems entstehen.
Soft Fork: Wenn sich die Regeln ändern, das Netzwerk aber zusammenbleibt
Ein Soft Fork verfolgt einen deutlich vorsichtigeren Ansatz. Bei einem Soft Fork bleiben die neuen Regeln mit den alten kompatibel. Dies wird in der Regel dadurch erreicht, dass bestehende Regeln strenger gefasst werden, anstatt sie vollständig zu verändern.
Nehmen wir an, das alte Protokoll erlaubt zehn Varianten einer bestimmten Operation. Nach dem Update erlaubt das Netzwerk nur noch fünf. Für neue Nodes wird diese Einschränkung verbindlich. Alte Nodes können diese fünf Varianten jedoch weiterhin akzeptieren, da sie bereits zuvor Teil der zulässigen Menge waren.
Dadurch können unterschiedliche Softwareversionen weiterhin innerhalb desselben Netzwerks funktionieren. Genau darin liegt der entscheidende Vorteil eines Soft Forks: Nicht alle Nodes müssen gleichzeitig aktualisiert werden.
Warum können alte Nodes weiterarbeiten?
Nach einem Soft Fork kennt ein nicht aktualisierter Node möglicherweise nicht alle neuen Einschränkungen und Funktionen. Er kann Blöcke jedoch weiterhin anhand der bisherigen Regeln überprüfen. Dadurch lassen sich Änderungen schrittweise einführen, ohne das gesamte Netzwerk gleichzeitig auf eine neue Version umstellen zu müssen.
Für dezentrale Blockchains ist dieser Ansatz besonders wichtig. Ein Netzwerk kann aus Tausenden unabhängigen Nodes bestehen, die sich in unterschiedlichen Ländern befinden und von verschiedenen Personen oder Organisationen betrieben werden. Eine gleichzeitige Aktualisierung aller Teilnehmer ist praktisch unmöglich.
Ein Soft Fork ermöglicht es dem Netzwerk, sich weiterzuentwickeln, ohne einen vollständigen "Neustart" zu benötigen.
Kann ein Soft Fork das Netzwerk spalten?
Theoretisch ja. Wenn ein Teil der Community mit den Änderungen überhaupt nicht einverstanden ist, kann er versuchen, weiterhin nach den alten Regeln zu arbeiten.
Das Design eines Soft Forks ist jedoch darauf ausgelegt, genau dieses Szenario zu vermeiden. Dank der Rückwärtskompatibilität können alte und neue Nodes weiterhin Teil derselben Chain bleiben. Deshalb gilt der Soft Fork normalerweise als die sanftere Möglichkeit, eine Blockchain zu aktualisieren.
SegWit und Taproot: Wie Soft Forks Bitcoin verändern
Ein gutes Beispiel ist das 2017 aktivierte SegWit-Update bei Bitcoin. Es veränderte die Verarbeitung und Speicherung bestimmter Transaktionsdaten und ermöglichte dadurch eine effizientere Nutzung des begrenzten Blockplatzes. Darüber hinaus wurde SegWit zu einer wichtigen technischen Grundlage für die weitere Entwicklung von Layer-2-Lösungen.
Ein weiteres bedeutendes Beispiel ist Taproot, das 2021 aktiviert wurde. Das Update erweiterte die Möglichkeiten für komplexe Transaktionen und Smart Contracts und ermöglichte es zugleich, bestimmte Operationen kompakter und effizienter zu gestalten.
Weder SegWit noch Taproot führten zu einer neuen Bitcoin-Version mit einer eigenen Kryptowährung. Das Netzwerk blieb eine einheitliche Blockchain.
Damit wird der Unterschied zwischen beiden Ansätzen deutlich: Ein Soft Fork ermöglicht Veränderungen der Regeln, ohne zwangsläufig die Verbindung zur vorherigen Version des Netzwerks zu unterbrechen.
Was passiert mit Kryptowährungen nach einem Fork?
Für einen Besitzer von Kryptowährungen ist ein Fork nicht nur eine Nachricht aus der Entwicklerwelt. Bei einer ernsthaften Aufspaltung des Netzwerks kann er direkte Auswirkungen auf die eigenen Vermögenswerte haben.
Wenn ein Update von praktisch dem gesamten Netzwerk übernommen wird, ändert sich für den Besitzer normalerweise nichts Grundsätzliches. Die Vermögenswerte bleiben auf der aktualisierten Blockchain bestehen.
Führt ein Hard Fork jedoch zu zwei Chains, wird die Situation komplizierter. Beide Netzwerke können die Transaktionshistorie bis zum Zeitpunkt der Aufspaltung übernehmen. Ein Nutzer, der vor dem Fork eine bestimmte Menge an Kryptowährung besaß, kann daher unter bestimmten Bedingungen über ein entsprechendes Guthaben auf beiden Chains verfügen.
Von einer automatischen "Verdopplung des Geldes" kann jedoch nicht die Rede sein. Die neue Kryptowährung kann deutlich weniger wert sein als die ursprüngliche, nur über geringe Liquidität verfügen oder keine ausreichende Unterstützung am Markt erhalten. Außerdem können Wallets und Börsen unterschiedlich mit den Vermögenswerten nach einer Aufspaltung umgehen.
Nach einem Fork sollte ein Nutzer deshalb zunächst prüfen, welches Netzwerk seine Wallet unterstützt und welche Schritte für eine sichere Verwaltung der Vermögenswerte notwendig sind.
Ein weiteres Problem ist Betrug. Bekannte Forks können zum Anlass für Phishing-Angriffe werden: Nutzern wird angeboten, "neue Coins zu erhalten", "ein Guthaben zu aktivieren" oder "den Besitz zu bestätigen".
Kein solcher Vorgang sollte die Herausgabe einer Seed-Phrase oder eines Private Keys verlangen. Diese Daten ermöglichen den Zugriff auf die Vermögenswerte und dürfen niemals an Dritte weitergegeben werden.
Warum sind Forks für die Kryptoindustrie wichtig?
Ein Fork ist einer der Mechanismen, mit denen sich eine Blockchain weiterentwickeln kann, ohne die bereits vorhandene Infrastruktur aufzugeben. Gleichzeitig kann ein Fork zu einem Test für die Community werden.
Solange sich die Teilnehmer über die Richtung des Projekts einig sind, kann ein Update relativ ruhig verlaufen. Sobald die Interessen auseinandergehen, kann aus einer technischen Frage schnell eine Debatte über die Zukunft des gesamten Netzwerks werden.
Deshalb gibt es in der Geschichte der Kryptowährungen zahlreiche Beispiele, bei denen die Änderung einiger Protokollparameter zur Entstehung neuer Projekte und eigenständiger Märkte führte.
Hard Forks und Soft Forks erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Ein Hard Fork führt inkompatible Änderungen ein. Wenn ein Teil der Teilnehmer die neuen Regeln ablehnt, kann sich die Blockchain in zwei eigenständige Chains aufspalten.
Ein Soft Fork bewahrt die Rückwärtskompatibilität und ermöglicht die Einführung neuer Einschränkungen, ohne dass alle Nodes auf die neueste Version wechseln müssen.
Vereinfacht gesagt ist ein Hard Fork eine Situation, in der eine Blockchain möglicherweise zwischen zwei Regelwerken wählen muss. Ein Soft Fork ermöglicht es, die Regeln zu verändern, ohne die Verbindung zur vorherigen Version des Netzwerks zu verlieren.
Und genau deshalb stecken hinter den scheinbar technischen Begriffen "Hard Fork" und "Soft Fork" sehr reale Folgen — von einem gewöhnlichen Software-Update bis zur Entstehung einer neuen Kryptowährung und einer vollständigen Verschiebung der Kräfteverhältnisse innerhalb eines Blockchain-Ökosystems.
